Triathlon Magazin: Triathlon Rennberichte

Das Verfahren ist gelernt. Wie schon 2009 und 2010 klingelt um Punkt 4 Uhr der Wecker. Draußen ist es noch dunkel. Ich fahre mit dem Auto von Eckernförde nach Glücksburg, eine Fahrt von ca. 45 Minuten. Vor mir (im Norden) türmen sich pechschwarze Gewitterwolken auf. Blitze zucken und es fängt wie aus Eimern an zu regnen. Na, das fängt ja toll an. Das Wetter war eigentlich, trotz insgesamt instabiler Lage, als prima avisiert.

In der Wechselzone (ca. 1.000 Starter) geht es wie in einem Bienenkäfig zu. Es wird aber deutlich freundlicher…und die Wolken lichten sich. Die matschige Wiese könnte jedem asiatischem Reisfeld, was den Feuchtigkeitsgehalt angeht, alle Ehre machen. Nach letztem Überprüfen des Reifendrucks heißt es Anstellen in der Warteschlange vor den Dixiklos (ganze acht Stück!!). Vielleicht der einzige Makel an der ansonsten perfekten Organisation. Vor Aufregung ist das Ergebnis des Geschäfts leider nur bescheiden. Um 6.45 Uhr werden alle Athleten an den Strand gerufen. Die obligatorische Predigt des hiesigen Pastors (ein wirklich schöner Einfall des Veranstalters) stimmt alle Sportler und Tausende von Zuschauern ein. Jetzt haben sich alle Wolken verzogen. Kein Windhauch beeinträchtigt die spiegelglatte Meeresoberfläche. Ich denke: „Ein Tag für Rekorde ..... für die anderen.“ Jetzt ärgere ich mich über meine schlampige Vorbereitung. In meinem Trainingsplan sind unschwer krankheits- aber auch partybedingt große „Löcher“ zu finden. In 2009 war es noch eine 11:03, in 2010 eine 11:39. Heute kann ich mich freuen, wenn ich Sub12 finishe.

Der Startschuss weckt mich aus meinen Tagträumen. Ich habe mich wohlweißlich meiner Fähigkeiten ziemlich weit hinten aufgestellt. Als Novum lässt der Veranstalter den Pulk dieses Jahr im Uhrzeigersinn um den Dreieckskurs schwimmen. Die Landungsbrücke, als Barriere in nordöstlicher Richtung, mit ihrem scharfen Muschelbewuchs, hatte wohl die letzten Jahre zu vielen Blessuren geführt. Subjektiv hat sich der „Krieg“ im Wasser allerdings nicht entschärft, denn ein Pulk von knapp 1.000 Schwimmern entzerrt sich mit oder ohne Hindernis sowieso erst nach vielen Hundert Metern. Somit gerate auch ich ganz hinten in kleinere Scharmützel und schlucke die eine oder andere Einheit Meerwasser. Nach der ersten Wendetonne läuft es aber prima. Ich fühle mich super und schwimme für meine Verhältnisse ganz gut durch das 19 Grad warme Wasser. Nach der ersten 1,9 Kilometer Runde glaube ich, dass ich hier noch nie so schnell war. Auf der zweiten Runde hat die Sonne bereits eine so starke Strahlkraft aus östlicher Richtung, dass man Schwierigkeiten hat, die Tonnen anzupeilen (eventuell doch ein Gegenargument für diese neue Schwimmrichtung). Fast entspannt erreiche ich den Strand (heute hätte ich 10 Kilometer schwimmen können) und sehe auf der Uhr: 1:17. Auf der einen Seite bin ich erleichtert, da die Zeit für mich gut ist. Auf der anderen Seite hadere ich, denn da wäre viel mehr drin gewesen. Der Wechsel auf der Matschwiese läuft prima. Beim Sprung auf das Rad reiße ich allerdings mit einer gezielten Berührung mein gesamtes Gelsortiment vom Oberrohr. Gleich zu Beginn der Radrunde erfreut man sich an einer sehr langgestreckten Steigung in westlicher Richtung. Hier überhole ich einen ehemaligen Trainingskameraden von mir: Willi Walter. Er ist eigentlich ein sehr guter Schwimmer, deshalb muss da irgendetwas Schief gelaufen sein. Der Streckenverlauf ist technisch sehr anspruchsvoll, da kurvenreich und verwinkelt. Man fährt durch kleine Dörfer und an zahlreichen Höfen vorbei. Überall sind Stimmungsnester und man wird durch die herrliche Küstenlandschaft „getragen“.

Mir geht es wirklich gut und übermütig denke ich: „Das könnte heute doch was werden“. Besonders eindrucksvoll sind die Passagen mit Meerblick. Es gibt mit Sicherheit nicht viele noch schönere Triathlon Langdistanz Radstrecken. Auf halber Strecke liegt der Wartberg, eine kurze steile Passage, auf deren Hügel man versorgt wird. Richtung Holnis und zurück ist die einzige längere Gerade, auf der man tempomäßig konstant Druck machen kann. Hier fliege ich mit einem 40er Schnitt dahin. In Glücksburg gibt es dann den dritten Berg. Man fährt durch ein Meer von euphorischen Zuschauern und der Stadionsprecher kommentiert namentlich nahezu jeden Athleten (auch die Nummer 161, den Clemens Fiedler, vom TriTeam PSV München). Dann folgt die zweite 30 Kilometer Runde. Auf meiner Uhr erkenne ich, dass ich zur Zeit mit einem 34er Schnitt unterwegs bin. Der Puls passt auch. Ich muss jetzt aufpassen, dass ich nicht zu übermütig werde. Auf der Gegengerade in Holnis entdecke ich wieder Willi. Abstand zunehmend. Da stimmt was nicht. Die zweite Runde beende ich mit einem 33er und die dritte Runde mit einem 32er Schnitt. Dann fängt es ein wenig an zu zwacken. Ich nehme merklich Tempo raus. Jetzt rächen sich eben doch die fehlenden Umfänge… oder die zahlreichen „Biereinheiten“. Auf der sechsten Runde rutsche ich knapp unter den 30er Schnitt und steige mit 5:43 vom Rad, was für mich völlig ok ist. Ich kann jetzt noch schlecht abschätzen, zu was der Körper noch in der Lage ist. Im Wechselzelt fragt mich eine sehr freundliche und hübsche Helferin, ob sie mich eincremen darf. Natürlich bestätige ich dies, denn das Wetter hat sich mittlerweile zu einem sehr heißen Sommertag entwickelt. Mit einer Hand voll Lotion erreicht sie meinen Nacken und ich „hänge“ eine Zehntelsekunde später schreiend unter dem Zeltdach. „Ja, du hast einen starken Sonnenbrand auf der Schulter und Nacken,“ was ich wieder heftig bestätige. „Nur die Harten kommen in den Garten,“ denke ich zu mir. Dann starte ich in die erste der 5 Laufrunden á 8,44 Kilometer. Gleich zu Anfang empfängt mich meine gesamte Familie inklusive Bruder, Schwester plus deren Familien und viele Freunde mit frenetischem Jubel. Ich fühle mich wie neu geboren (bis auf weiteres). Die ersten 2 Kilometer führen an der sehr malerischen Flensburger Förde entlang. An einigen Stellen ist die Uferpromenade eher ein Naturpfad, an denen Überholvorgänge kompliziert sind. Für gut einen Kilometer hat man sogar „Gegenverkehr“, was höchste Konzentration abverlangt. An einer Verpflegungsstelle werden Riegel, Gel, Elektrolyte, warme Brühe und nasse Schwämme gereicht. Mein 5‘30er Schnitt „fühlt“ sich noch ganz gut an. Nach 3 Kilometern kommt dann der Berg. Für mich ist dieses Hindernis definitiv die größte Angstpassage beim Ostseeman. Drei unerwartet steile Anstiege erwarten einen hier. Auf der ersten Runde nimmt man das noch nicht so stark war…. aber dann! Ein zweites Novum für mich ist der Streckenverlauf über die Insel des Weiers, auf dem die Glücksburg steht. Auf dem Innenhof ist wieder eine große Verpflegungsstation. Danach geht es in einem großen Bogen durch den Park zurück an die Küste. An jeder Ecke sind Stimmungsnester und begeisterte Zuschauer von denen man Zuspruch bekommt. Der ein Kilometer lange Schlussspurt wird durch eine Brücke über den Hafen „eingeleutet“. Der Zielbereich ist der Wahnsinn. Tausende von Menschen bilden eine enge Gasse, durch die man wie ein Champion hindurch angefeuert wird. Ich glaube, das ist einmalig. Das hat keine andere Langdistanz auf der Welt zu bieten. An dieser Stelle sammeln die Athleten Kordeln. Wenn man die vierte hat, muss man nur noch eine Runde laufen. Natürlich gibt es auch noch die MIKA-Timing Matten, sonst wäre man mit fortgeschrittenem Rennverlauf irgendwann bereit, nicht nur seine eigene Mutter zu verkaufen, sondern auch konkurrierende Mitläufer für eine zusätzliche Kordel in die Förde abzudrängen.

Meine Clique feuert mich unbarmherzig in die zweite Runde an. Der Schnitt wackelt schon ein wenig. Der Aufenthalt an den Verpflegungsstationen wird länger. Da ist wieder Willi. Wir klatschen uns auf der besagten Gegengeraden an der Uferpromenade ab. Wieder im Zielbereich lasse ich mir stolz die zweite Kordel umwerfen. Ich raune meiner Frau zu, dass ich im A…. bin! Die Sonne sticht unbarmherzig und die Hitze zollt ihren Tribut. Des häufigeren liegen Sportler links und rechts im Gras und werden von Passanten oder den Marinesanitätern betreut. Ich quäle mich zum dritten Mal den Berg hoch. Bin total am Ende. Irgendwo hinter mir schreit irgendjemand wie am Spieß vor Schmerzen. Hoffentlich bekomme ich keinen Krampf. Schwupp, schmeiße ich mir schleunigst eine Salztablette in den Mund. Dann endlich die dritte Kordel. Nur noch zwei Runden. Zwei verdammte Runden. Die schlimmsten 17 Kilometer meines Lebens. Immer mehr Sportler wechseln in Gehen über. Manche humpeln auch. Ich versuche in leichtem Trab zu bleiben und verschlechtere mich auf einen 7er Schnitt. Ich leiste mir ein Duell mit einem grimmigen Geher, der alle 200 Meter eine Art Zwischensprint einlegt, um dann wieder in schmerzverzerrtes Humpeln zu wechseln. Mein Gott, ob das Gesund ist. Dann die vierte Kordel. Jedes Familienmitglied, auch meine Kinder, umarmen mich nochmal (als wenn ich für die letzte Runde zwei Jahre benötigen würde). Es ist mittlerweile 18.10 Uhr. Alle Zeitträume sind ausgeträumt. Nur noch ins Ziel. Jeder Quadratzentimeter des Körpers tut weh. Dann begegnet mir nochmal Willi, auch mit schmerzverzerrtem Gesicht. Ich reiße mich nochmal für die letzten vier Kilometer zusammen. Es sind noch 30 Minuten bis 19 Uhr. Verdammt, ich will unter 12 Stunden reinkommen. Ich schalte alle Schmerzen aus und kämpfe mich auf einen 5`30er Schnitt hoch. Es muss einfach gehen. Auf der Brücke weiß ich: Nur noch ein Kilometer. Ich gehe in eine Art Schlusssprint über. Endlich die Menschengasse, endlich der blaue Teppich, endlich der Zielstrich. 11:55. Mein Gott, wie schlecht….oder: Mein Gott, wie geil. Ich bin durch ohne Verletzung. Einige Minuten später kommt Willi rein. Er ist genauso am Ende und meint lakonisch, dass er sich bereits im Kampfgetümmel des Schwimmstarts einen Zeh gebrochen hätte. Der Wahnsinn. In Glücksburg werden Helden geboren.

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